19.08.2017

Familienparty



Es ist Wochenende. Und heute ist unsere alljährliche Familienparty angesagt. Ich habe keine Familie mehr. Aber meine Frau. Und weil das so ist, werde ich artig dahin dackeln, gut gelaunt in die Kamera lächeln und der Welt erzählen, wie toll dieser Kuchen ist, ohne ihn jemals wirklich zu essen.

Und dann werden mich alle anstarren mit dieser unausgesprochenen Frage auf der Stirn: “Warum hast Du in den letzten 15 Monaten nicht gearbeitet? Warum hast Du Deine Frau nicht ernährt (Du fauler Sack)?” Begriffe wie “Burnout” oder “Depression” existieren nicht in ihrem Wortschatz.

Und ich werde es duldsam über mich ergehen lassen, wie ich schon in Kindertagen die Schläge eines Pfaffen über mich habe ergehen lassen und wie ich heute mein Leben über mich ergehen lasse. 

Vielleicht gelingt es mir sogar, mich über diese ganzen Vorwürfe zu amüsieren, denn eines wissen sie alle nicht: Meine Frau hat sich vor 11 Monaten von mir getrennt. Wir wahren nur für ihre Familie und für unser Geschäft nach außen hin den Schein.

Das wird ein Spass ...

16.08.2017

Rückzug




Mein Herz ist erkaltet. Auf meiner Seele wächst Hornhaut. Ich möchte mich freuen, doch ich erstrahle nicht. Ich möchte so gerne trauern, doch ich weine nicht. Ich möchte Zorn erleben, doch ich wüte nicht. Ich möchte mich selbst verletzen, doch ich spüre nichts.


Welchen Sinn hat also mein Leben, wenn ich all das nicht erleben kann, was den Gefühlen anderer unterstellt wird? Welchen Sinn hat es, eine Marionette zu sein, deren Fäden sich irgendwo im Nebel verlieren? Was soll ich antworten, wenn ich meinen Puppenspieler nicht sehen kann?


“Doch du musst nur glauben, dann wirst Du glücklich sein. Das Gesetz der Anziehung kann dir unermesslichen Reichtum verschaffen. Der Reichtum des Universums ist unermesslich, du musst nur um etwas bitten. Glaube an dich selbst und an deine innere Kraft.” Ja, das habe ich alles versucht. Mit Inbrunst. Offenbar ist das Universum mittlerweile genauso erschöpft, wie ich es bin. Also bleibt mir weg, Ihr Freizeitesoteriker, Auraseher und Positivdenker mit euren tollen Ratschlägen. Einen Glauben, der über Dekaden nicht funktioniert, kann man nicht festigen.


Und nun? Ich lebe. Aber es fühlt sich nicht so an. Und doch bin ich getrieben von zwei Senhsüchten, die mich nicht mehr rasten lassen. Ich sehne mich nach Stille, wie nie zuvor. Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, wenn man in einer Großstadt lebt. Und ich sehne mich nach Minimalismus. Nach Aufräumen. Nach Ordnung im Innen und Außen. Weg vom Chaos. Ich sehne mich danach, all das loszulassen, was mir ohnehin nichts bedeutet. Doch was bleibt dann am Ende?


Ich mit mir allein. Ein undankbarer Freund. Fordernd. Perfektionistisch. Rücksichtslos.


Doch vielleicht sehe ich dann klarer.

21.09.2016

Endstation Einsamkeit

 
Ich bade in einem Meer aus Schmerz. Ich tauche in einem See aus Sehnsucht. Die süße Frucht vom Baum der Weisheit hat mich nicht genährt. So stehe ich hier im Regen getrieben von der verzweifelten Hoffnung, er möge die Last auf meinen Schultern hinfortspülen. Und während ich scheitere, bin ich gleichzeitig froh darüber, dass er meine Tränen verbirgt.
 
Wie gern wäre ich jetzt bei dir. Obgleich ich deinem Atem gleich neben mir lausche, ist deine Seele anderswo. Irgendwo fern von mir. Und ich frage mich, wann ich sie verloren habe. Ich frage mich, ob es je ein Zurück gibt. Nichts wird je wieder so sein, wie es einmal war. Aber vielleicht anders. Anders als jetzt. Besser als jetzt. Doch wie soll ich noch glauben, wie soll ich vertrauen, wenn die Flügel der Hoffnung längst gebrochen sind und mich nirgendwo mehr hintragen.
 
Ich blicke voran und bin erfüllt von Angst, ich blicke zurück und das Vergangene erfüllt mich mit Trauer. Im Hier und Jetzt ist nichts.
 
Was soll ich nur tun?

29.07.2016

Zwiesprache mit Gott?

"Halte Zwiesprache mit Gott.", hat mal jemand zu mir gesagt. Großartig! Wie soll ich Zwiesprache mit Gott halten, wenn ich noch nicht mal bei mir selbst bin?
Ich blicke in den Spiegel und frage mich: "Wer ist der Typ da auf der anderen Seite?"
Das Gesicht ist übersät mit Narben von Wunden an die ich mich nicht mehr erinnern kann.
Der Mensch gezeichnet von einem Leben, das nicht meins ist, niemals meines war.
Und als ich mich abwende endet der lautlose Dialog mit dem Schrei: "Ich will mein Leben zurück.", gefolgt von der Erkenntnis, dass es zu spät ist, das geschehen ist, was geschehen ist, dass es kein Zurück gibt.
Die Knochen schmerzen, und das Atmen fällt mir schwer. Ich bin müde. Furchtbar müde. Ich will schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.

27.07.2016

Wer bin ich?

Ich bin die Seele, die ich jeden Morgen zurücklassen muss, wenn ich zur Arbeit gehe. Die Seele, die ich den ganzen Tag vermisse, wenn ich fern von ihr bin. Die Seele zu der ich spät abends heimkehre. Die Seele, die von morgens bis abends einsam ist. Die Seele, die nur noch nachts leben und lieben darf, weil sie in dieser Welt keinen Platz hat.

24.07.2016

Nacht über der weißen Kathedrale

Die Nacht liegt schwer wie Blei über der weißen Kathedrale. Ich bin allein. Mein letzter Freund gegangen. Die Welt ist leer von allem Überflüssigen und allem, was nötig war. Es gibt nichts mehr. Es gibt nichts mehr zu sehen. Es gibt nichts mehr zu tun.

 Die Verwandlung beginnt. Sie entsteht aus der Kontemplation heraus. Die Kraft schöpft sich selbst aus der Ruhe, aus der Einsamkeit, aus der Stille.

 Ich weiß, ein neuer Tag wird kommen, und ich werde nicht mehr länger ich selbst sein.

 Eines Tages werde ich heimkehren, ich werde zurückkommen zu meiner Seele, meinem wahren Ich, und ich hoffe, dass dann noch etwas von mir übrig sein wird. Dafür bete ich. Dafür lebe ich. Dafür liebe ich.

 Doch jetzt muss ich mich der Welt da draußen stellen.

Familienparty

Es ist Wochenende. Und heute ist unsere alljährliche Familienparty angesagt. Ich habe keine Familie mehr. Aber meine Frau. Und weil das so...